//wo sie hingeht//

„Ich geh noch mal raus!“ ruft sie. „Jaaaa!“ rufe ich zurück, um zu signalisieren, dass ich das wahrgenommen habe. Und will noch hinterherrufen, dass ich heute Abend doch nicht weg gehe. Aber da klappert schon die Tür. Ihre Schritte hallen über den Flur, die Treppenstufen hinunter und dann sind sie weg. Die Haustür knallt zu und ich bin wieder allein. Ich frage mich, was sie macht, wenn sie sagt, dass sie noch mal rausgeht. Geht sie einkaufen? Trifft sie Freunde? Führt sie fremder Leute Hund aus oder dreht sie einfach nur eine Runde? Ich habe sie das noch nie gefragt. Und widme mich wieder meiner Arbeit, ich muss den Text bis morgen gelesen haben.

Sie weiß selbst noch nicht, wo sie hingeht, wenn sie das Haus verlässt. Sie tritt auf den Gehweg und lässt das Gefühl entscheiden. Manchmal lockt sie das Sonnenlicht, oder die Schatten an der Wand. Die Leute, die am anderen Straßenende gehen oder das unbestimmte Ziel vor Augen. Links oder rechts, ene mene mopel. Meistens hört sie beim Gehen Musik. Die Musik, die ihrer Seele und ihrem Schritt die nötige Schwere oder Leichtigkeit verleiht. Manchmal ist es die Musik, die sie erst raus treibt. Manchmal ist es die Schwere, die Musik und leichter Schritte bedarf. Manchmal ist es die Freude am Leben und am Sonnenschein. Oder das Gefühl, etwas zu verpassen.

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Heute geht sie rechts herum. Die Sonne scheint auf die Fenster am Haus gegenüber. Der Backstein ist so rot wie er nur sein kann, wenn die späte Sommersonne darauf scheint. Sie macht ein Foto von der Fassade und geht weiter. Links herum und über die Straße. Und gerade aus. Die Allee ist am schönsten, wenn alles grün ist. Wenn die großen Bäume belaubt sind. Aber vielleicht ist sie doch am allerschönsten an diesen wenigen Tagen im Herbst, in denen das Laub der Bäume dicht und golden auf dem Boden liegt und die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres reflektiert. Der Himmel blitzt blau zwischen den Ästen und Blättern und unter ihren Füßen knirscht der Kies. Auf dem kleinen Spielplatz sitzen zwei Kinder in der Sandkiste und die Muttis daneben, auf der Bank.

Am Ende der Allee angekommen, weiß sie schon, wohin es sie zieht. Sie wendet sich nach rechts, kürzt über den Parkplatz mit den dicken Pflastersteinen ab und drückt auf den Ampelknopf. Die Musik gefällt ihr nicht mehr. Die Gedanken haben angefangen zu kreisen und sie sucht sich etwas anderes aus. Etwas das dazu passt. Die Ampel wird grün und schnell geht sie über die Straße. Geradeaus, zu dem unscheinbaren Beginn eines Spazierpfades. Links und rechts sind nun Bäume und Wiese, die Straße liegt im Rücken. Schnell kann man die Autos fast nicht mehr hören. Der Pfad wird breiter und an seinen Seiten steigt das Gelände an. Fast, als ginge man durch ein langes, schmales Tal, welches von Bäumen umsäumt ist. Als stünde man inmitten eines Waldes, aber es ist doch nur das grüne Herz einer kleine Großstadt.

Ihr Schritt wird langsamer, sie atmet durch. Und lächelt. Schließlich erreicht sie den Park und geht schnell am Spielplatz vorbei. Heute sind viele Familien hier. Sie geht über die Brücke und ist schon fast da. Entlang des Flusses, mit den schönen Gärten. Und schließlich sieht sie das Wasser glitzern. Die Luft ist warm und riecht, wie sie nun mal riecht, wenn es schon ein paar Tage warm war, im Sommer. Trocken und nach Staub, vermischt irgendeiner frischen Note, mit gemähtem Rasen und in diesem Fall auch nach Wasser.

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Das Wasser des Sees glitzert in der Spätnachmittagssonne und zwar so golden, dass sie ein Foto davon macht. Aber das Foto wird der Realität nicht gerecht. Sie geht weiter und weiter, immer weiter den Weg entlang des Sees. Leute liegen auf Handtüchern und Picknickdecken auf der Wiese und Kinder spielen dazwischen fangen oder Ball. Sie sieht genauer hin, aber da ist niemand, den sie kennt. Also bleibt sie nicht stehen und kommt schließlich zu der Bank. Setzt sich hin und atmet durch. Die Gedanken rasen jetzt nicht mehr, sie kommen an und sie wird ruhig. Sie starrt auf das Wasser. Der seichte Wind streicht ihr durch das Haar und als die Sonne Anstalten machten, sich für diesen Tag endgültig zu verabschieden, steht sie auf und geht zurück. Erreicht mit der Dunkelheit die Haustür und schliesst die Tür auf.

Ich höre, wie die Haustür unten ins Schloss fällt und Schritte langsam die Treppe hinauf hallen. Dann klappert das Schloss der Wohnungstür. „Ich bin wieder da!“ ruft sie. „Jaaaa!“ rufe ich. Und frage mich, wo sie wohl war.

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