Nicht Früchte wollte er erzeugen, sondern Knospen und Blüten, die reifen möchten in Zeiten, wo er nicht mehr sei.

Schleiermacher

Im Studium der Erziehungswissenschaft kommt man an der Geschichte der Erziehungswissenschaft nicht vorbei. Ich nehme an, es ist den meisten Disziplinen so, dass man ihre Geschichte kennen muss, um sie zu verstehen. Das ist mit Menschen ebenso. Vollends verstehen wir ihr Handeln nur, wenn wir ihre Geschichte kennen. So wohnt der Wissenschaft also etwas menschliches Inne, zumal sie vom Menschen gemacht ist. Wahre Objektivität kann es da nicht geben, denke ich mir nebenbei.

Ein Charakter, dem man in der Geschichte der Erziehungswissenschaft begegnet ist Schleiermacher, Friedrich. Über ihn und seine Weggenossen liest man Texte und hört sich an, warum sie alle gerade so wichtig sind für dieses Feld. Meist erscheint einem langweilig was man erfährt, es wird abgenickt, auswendig gelernt, für die Klausur am Semesterende reproduziert und in eine Schublade ganz hinten unter „Gesammeltes Wissen, unwichtig“ abgelegt. Schade drum.

Und dann begegnet mir Jahre nach der Einführungsvorlesung in die Geschichte der Erziehungswissenschaft ein Text darüber, wie Schleiermacher selbst lehrte. Und man wünscht sich, der Lehrende hätte damals eine ähnlich faszinierende Wirkung gehabt. Dann wäre Schleiermacher nämlich nicht in dieser besagten Schublade gelandet, sondern sicherlich präsenter.

Es ist die Hauptsache des Sokratikers, in den Schülern den geisteigen Hunger zu wecken und ihnen den Weg anzudeuten, auf dem sie mit eigener Kraft die Befriedigung des angeregten Bedürfnisses finden können. Nicht Früchte wollte er erzeugen, sondern Knospen und Blüten, die reifen möchten in Zeiten, wo er nicht mehr sei.“ sagt Diesterweg über Schleichermacher (Zeit N°28/2015).

Wenn dies doch nur die Maxime eines jeden Lehrenden wäre, die Bilder in den Klassen- und Seminarräumen, in den Vorlesungssälen wären andere. Am wertvollsten erschienen mir, und tun es immer noch, jene Lehrenden, die es schafften, mich mitzureißen und den Gegenstand lebendig erscheinen zu lassen. Selten habe ich mich so amüsiert wie über die Geschichte über Descartes Schädel in einem Philosophieseminar. Wenn wir wirklich lernen sollen, um mündig zu werden, muss sich etwas ändern. Das Bulimielernen, welches auch scheinbar auch schon die Schulausbildung bestimmt, muss einn Ende haben. Die Muße mehr an Raum gewinnen. Damit es mehr Knospen und Früchte geben kann, die reifen möchten. In Zeiten, in denen wir nicht mehr sind.

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