Wie es wurde, was es heute ist.

Und selten hat mich jemand so frustriert wie du. Kaum ein erster Eindruck so enttäuscht. Ich kam, sah und wollte wieder weg. Allein, allein. Obwohl meine Mitbewohnerin sogar aus der alten Heimat kam. Aber du warst grau und hässlich. Ich kannte niemanden und die, die ich kannte, fuhren jeden Abend wieder nach Hause in die große Stadt. Halt doch auch nur Provinz, aber mit besseren Bahnanbindungen.

Ich war irgendwie bei dir gelandet, zufällig hast du mich als erste aufgenommen und ich habe dankend angenommen. Noch nicht wissend, dass auch du nicht das Studentinnenleben enthältst, dass man uns versprochen hat. Deine Uni ist hässlich, nur die Aussichten aus dem vierten Stock sind gut. Du hast ein paar schöne Geschäfte, aber beim Sonntagsspaziergang ist auch dein Ende abzusehen.

Vom Balkon aus konnte man auf den jüdischen Friedhof sehen, daneben die nackten Bäume und der triste graue Novemberhimmel. Melancholie. Selbst Osnabrück im Regen erschien mir an manchen Tagen die bessere Alternative zu sein. In der Bahn, auf dem Weg in deine Richtung, habe ich mal geweint. Du hast mich fertig gemacht. Ich wollte eine andere sein und du hast mich zurückgehalten.

Und erst der Frühling machte alles gut. Mit dem neuen Jahr waren neue Menschen in mein Leben getreten, die Bäume im Hof wurden langsam grün und ich begann zu verstehen. Auch du hast schöne Seiten. Auch du hast schöne Fassaden und guten Kaffee. Auch deine Nächte können schlaflos sein. Du hast alte Häuser und hinter dem Bahnhof geht´s bergab. Zum Hafen.

Auch hinter deinen Ecken hat jemand Straßenkunst für mich versteckt und dein Asphalt ist an manchen Stellen so weich wie Butter. Du hast Wasser und Wald. Du hast Kunst und Kultur. Insgeheim bist du ein kreativer Moloch.

Und ich dachte schon, ich könnte noch eine Weile bei dir bleiben. Wir hatten uns doch gerade an aneinander gewöhnt. Ich kannte langsam alle deine Straßen, hatte die entlegensten Ecken gesehen. Wenn ich an dich dachte, dachte ich an zu Hause. An die Sommerabende auf dem Balkon und das späte Bad im See. Das Trocknen in den letzten Sonnenstrahlen und die Tage und Abende mit den Menschen, die mir so lieb geworden waren.

Alles kam anders. Wie schon so oft, innerhalb von Sekunden. Ich habe dich verlassen als es am schönsten war. Und denk darum gern an dich zurück. Und manchmal führen mich meine Wege noch zu dir. Auf der Autobahn, irgendwo hinter Hannover, beginne ich mich zu freuen. Ich folge der Abfahrt und komme auf den Kennedydamm. Und biege links vorm Kino ab und bin in der Oststadt. Die Parkplätze sind noch knapper, seit rund um Michaelis Parkverbot für Nicht-Anwohner gilt. Aber seitdem der Elektriker mal 15 Geh-Minuten weit weg parken musste, schockt mich die Parkplatzsuche nicht mehr.

Du bist noch die gleiche, aber alles ist anders. Hildesheim. Wenn mich heute jemand nach dir fragt, empfehle ich dich guten Gewissens weiter.

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